Wissenschaftlicher Vortrag von H. OsminAus „Musik für alle“ (2. Jahrgang, Nr.23, 1909)
Die Mandoline wird von einigen Gelehrten wegen der acht deutlich erkennbaren Wirbel an ihrem Halse zu den Wirbeltieren gezählt, wozu auch die eigentümlichen Töne verleiten können, die ihr vielfach entlockt werden. Trotz allen sind wohl diejenigen im Recht, die sie als ein musikalisches Instrument ansehen. Die Mandoline ist fast so verbreitet wie das mit Recht so beliebte Klavier. Während dies aber eins der schwersten Instrumente ist, kann die Mandoline bequem mit einer Hand gehoben werden. Die Mandoline ist mit acht Saiten bespannt und widerlegt damit den Satz, dass jedes Ding zwei Seiten hat. Die Saiten werden aus Därmen hergestellt, die besten kommen aus Darmstadt. Die obersten Saiten sind am stärksten gespannt und platzen deshalb am häufigsten, was namentlich im Konzert während eines zarten Adagios nie seine Wirkung verfehlt. Wenn man gerissene Saiten aus Sparsamkeit wieder zusammenknüpft, so empfiehlt es sich nicht, die Knoten gerade über dem Griffbrett anzubringen. Die Mandoline kann, wie bereits angedeutet, auch zur Erzeugung musikalischer Töne benutzt werden. Zu diesem Zwecke werden die Saiten mit einem Plektron berührt, welches leider die Eigenschaft hat, oft zu verschwinden. Hat man sein Plektron vergessen, so kann man die Saiten auch mit den Fingern zupfen, und behaupten, eine neue Art des Pizzikato erfunden zu haben. Man kann sich auch behelfen, indem man mit dem Plektron spielt, dass man sich von einem anderen Mandolinisten borgt. Manche binden sich das Plektron auch mit gut sichtbaren, möglichst blauen Wollfäden an das Handgelenk. Man hat schon seit längerer Zeit bemerkt, dass man auch andere Töne als die der leeren Saiten hervorbringen kann, wenn man diese mit den Fingern der linken Hand an geeigneten Punkten auf das Griffbrett drückt. Davon wird ziemlich häufig Gebrauch gemacht, und der angehende Mandolinist tut gut, sich jene Punkte zu merken. Allzu ängstlich braucht er dabei nicht so sein, denn in der Umgegend liegen auch überall Töne, und diese sind namentlich für das weit verbreitete unreine Spiel von größter Wichtigkeit. Das Schwierigste aber bleibt es immer, die leeren Saiten anzuzupfen und dabei mit der linken Hand an den Wirbeln herumzudrehen. Darin üben sich die größten Künstler unausgesetzt. Sie versuchen es vor jedem Stück von neuem, ja sie benutzten während des Spiels jeden freien Augenblick dazu. Was sie an dieser Aufgabe reizt, ist schwer zu sagen; vermutlich ist es eben nur die Schwierigkeit der Sache, denn der musikalische Genuss, den diese Übung gewährt, muss als sehr mäßig bezeichnet werden.
Dem Pianisten gegenüber ist der Violinspieler dadurch im Nachteil, dass er beim Ankauf von Noten immer die dicke Klavierstimme mitbezahlen muss. Mit Rücksicht auf weniger bemittelte Mandolinisten haben daher Komponisten von modernem sozialen Empfinden, wie namentlich Johann Sebastian Bach, auch Stücke für die Mandoline allein geschrieben.
Mit Recht bürgert es sich immer mehr ein, dass auch Mädchen das Violinspiel erlernen. Sie gewöhnen sich dadurch beizeiten an männliche Begleitung. Auch kann bei den unvermeidlichen Meinungsverschiedenheiten darüber, welcher von beiden Spielern „geeilt“ oder „geschleppt“ oder falsch gezählt hat, die Mandoline als Schlaginstrument gehandhabt werden, wobei sie zweckmäßig am Hals ergriffen wird.
Wenn mehrere Mandolinisten zur gleichen Zeit verschiedene Stücke spielen, so klingt es für verwöhnte Ohren nicht sehr gut. Um diesen Übelstand zu vermeiden, hat man besondere Kompositionen für solche Fälle hergestellt. Wobei in den tieferen Tonlagen größere Mandolinen (Mandolas und Mandolocellos) benutzt werden. Spielt dann jedes Instrument seine vorgeschriebene Stimme, so hört es sich aus einiger Entfernung manchmal wie richtige Musik an. Rücksichtsvolle Menschen betreiben dies mehrstimmige Spiel nur im stillen Kämmerlein, weswegen man solche Musik auch Kammermusik nennt. Am beliebtesten allerdings sind die Zusammenballungen großer Gruppen tremolierenden und zupfenden Individuen zu sog. „Zupforchestern“. Vor diesen spielwütigen und auftrittsentschlossenen Musiziertruppen steht ein hilfloses Einzelwesen, das beidhändig allerlei gestische Zeichen zwischen Abscheu und Begeisterung kundtut, obwohl niemand hinsieht.
Ist die Mandoline vom vielen Spielen ermüdet, so legt man sie in den möglichst weich ausgepolsterten Kasten und deckt sie mit der Mandolinendecke warm zu. Je früher man die Mandoline abends zu Bett bringt, desto gesünder ist es - für die Nachbarn.